Phänomen Tatort

Noch immer Top-Quoten für ein Urgestein des öffentlich-rechtlichen Fernsehens

© SWR/Alexander Kluge, Nutzung in den Calwer Notizen honorarfrei erlaubt

Sonntagabend, viertel nach acht. Menschen jeglichen Alters eilen vor den Bildschirm. Unverkennbar ist schon das musikalische Intro. Stahlblaue Augen blicken in deutsche Wohnzimmer und laden zu kriminalistischer Abendunterhaltung – Tatort-Zeit in Deutschland.

So auch bei Tabea, Esther, Jonas, Anna und Victor; die fünf Studienfreunde treffen sich sonntagabends regelmäßig zum gemeinsamen Tatort-Schauen in ihren WGs. „Das gehört einfach so zum Sonntag dazu, und zusammen macht es auch richtig Spaß“, so die Medizinstudentin Tabea auf die Frage, warum es denn die beliebte Krimi-Reihe im Ersten ist, zu der sie sich treffen. Anna, eine Freundin und ebenfalls Medizinstudentin fügt hinzu: „Es kommt regelmäßig, aber immer mit anderen Kommissaren. Münster ist toll. Und der Sonntagabend passt auch, da hat man sowieso fast nie etwas vor. Und es gibt dem Leben das nötige bisschen Spießigkeit.“

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Das Zusammentreffen der fünf Studenten ist kein seltenes Phänomen. Deutschlandweit bieten Kneipen und Gaststätten sonntagabends ein Tatort-Public Viewing an und locken damit regelmäßig ein großes Publikum vor den Bildschirm. So auch der Stuttgarter Gastronom Matthias Knobloch, der das in seiner „Gaststätte Wohnzimmer“ schon seit der Eröffnung anbietet. „Wir haben uns überlegt, wie wir den Sonntag, der in der Gastronomie traditionell eher ein schwacher Tag ist, etwas beleben können.“ So wurde das Tatort-Public Viewing einfach einmal ausprobiert und nach anfänglicher Skepsis ist das Lokal sonntags inzwischen ausgebucht.

Das Urgestein aus den Anfängen der Fernsehunterhaltung füllt also noch heute Wohnzimmer, Gaststätten und erreicht Quoten, von denen andere Sendungen nur träumen. So schaffte es die Tatort-Folge „Schwanensee“ aus Münster 2015 mit 13,69 Millionen Zuschauern zur meist gesehenen Fernsehsendung des Jahres. Und das noch vor dem DFB Pokal Halbfinale Bayern München – Borussia Dortmund. „Der Tatort wird von seiner seriellen Struktur gestützt. Es gibt nicht nur einen Hauptdarsteller, der ihn ausmacht. Teams und Folgen, die nicht gut ankommen, können leicht ersetzt werden, und das Gesamtkonstrukt Tatort wird von den etablierten Seriensträngen getragen“, erklärt der Medienwissenschaftler Dr. Christian Hißnauer den anhaltenden Erfolg der Krimi-Reihe.

Erstmals ausgestrahlt am 29. November 1970 zählt die Krimireihe der ARD bis heute 979 Folgen. Produziert werden die einzelnen „Tatorte“ in den verschiedenen, mit der ARD kooperierenden Sendeanstalten. Vom SWR bis hin zum NDR tragen jeweils eigene Kommissare, Orte und Geschichten zum Geschehen bei. Die jeweilige Regionalität schafft eine Bindung zum Zuschauer. Die wechselnden Standorte mit eigenen wie auch eigenwilligen Charakteren und Geschichten  schaffen eine unterhaltende Vielfalt. Inzwischen sind 21 verschiedene Ermittlerteams unterwegs –  darunter auch ein  schweizer- und ein österreichisches Team.

SÜDWESTRUNDFUNK Dreharbeiten zum Stuttgarter Tatort „Patt“ Lannert und Bootz ermitteln unter Schleusern und Flüchtlingen - Als 23 Flüchtlinge nur noch tot geborgen werden können, führen die Ermittlungen Thorsten Lannert und Sebastian Bootz zu den zwiespältigen Aktivitäten von Schleusern. Christian Jeltsch schrieb das Drehbuch zum „Tatort – Patt“, der zurzeit von Züli Aladag in Baden-Baden und Umgebung in Szene gesetzt wird. Neben Richy Müller als Thorsten Lannert und Felix Klare als Sebastian Bootz spielen Sascha Alexander Gersak, Edita Malovcic, Florence Kasumba, Christian Koerner, Richard von Weyden, Orhan Kilic, Jürgen Hartmann und Carolina Vera. v.li.: Andreas Schäfauer (Kamera), Christian Koerner, Richy Müller, Felix Klare, Züli Aladag (Regie) © SWR/Johannes Krieg, honorarfrei - Verwendung gemäß der AGB im engen inhaltlichen, redaktionellen Zusammenhang mit genannter SWR-Sendung und bei Nennung "Bild: SWR/Johannes Krieg" (S2). SWR-Pressestelle/Fotoredaktion, Baden-Baden, Tel: 07221/929-22202, Fax: -929-22059, foto@swr.de
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Vor allem sind es aber der prominente Programmplatz am Sonntagabend zur Primetime, die klassische Spielfilmlänge von ca. 90 Minuten und der legendäre Vorspann, der in den letzten 46 Jahren nicht geändert wurde, durch die der Tatort für Fans längst Kult geworden ist.

Seit dem ersten Tatort hat sich einiges verändert. „Aus fernsehhistorischer Sicht hatte der Tatort in den 90er Jahren seine schwerste Zeit. Mit den Privaten Programmen wuchs das Angebot an Fernsehunterhaltung. Die Macher des Tatorts reagierten mit einer höheren Schlagzahl, aus einmal im Monat wurde sukzessive einmal die Woche“, so Dr. Christian Hißnauer. Aus dieser „Krise“ heil herausgekommen, wartet knapp 20 Jahre später ein neuer Konkurrent – das Internet und mit ihm die Sozialen Medien fangen die junge Zielgruppe ab. Der Medienwissenschaftler meint dazu: „Sie haben es wieder geschafft und sich rechtzeitig angepasst.“ Laut der aktuellen ARD/ZDF Online-Studie ist der Tatort das erfolgreichste Beispiel für die Verknüpfung einer Fernsehsendung mit den Sozialen Medien. Unter dem Hashtag Tatort kommentierten im Jahr 2014 mehr als eine halbe Millionen Twitter-Nutzer.


Auch hat sich der Plot dem Zeitgeist angepasst: Kindesmissbrauch, Terrorismus und Wirtschaftskriminalität werden zum Thema. Spannend ist dabei, dass das Konstrukt Tatort generationsübergreifend funktioniert. So schaut das Rentnerehepaar gemütlich in der Stube, während die Studenten eine WG-Party veranstalten, oder per Twitter live mitdiskutieren.

Die ersten Folgen wurden nach damals typischer Krimi-Manier der 70er Jahre und als Antwort auf den ZDF-Krimi „Der Kommissar“ gedreht. Geprägt waren sie von Kommissaren wie Heinz Haferkamp, gespielt von Hans-Jörg Felmy, der adrett im Trenchcoat und sichtlich erkennbar als Dienender des Staates agierte. Erst Anfang der 80er Jahre wurden die konservativen Ermittler von Schauspielern wie Götz George alias Horst Schimanski abgelöst. Mit ihm zog Action, Gewalt und eine  deutlich derbere Sprache ein. Angepasst an das Publikum flimmert heute ein weites Spektrum über den Bildschirm: von schierer Komik der Münsteraner Prahl und Liefers über kühle Strenge mit Maria Furtwängler bis hin zu knallharter Action mit Til Schweiger.

Die einzelnen Entwicklungsschritte des Tatorts sind den Studienfreunden recht egal. Sie genießen auch weiterhin gemeinsam Ihren geselligen Wochenausklang. Und ganz wichtig für die fünf: „Am Montag mitdiskutieren können!“

Musikalisches Intro (Download als Klingelton, ARD)


Weiterführende Informationen

Tatort Forum

Ein Feature von Louisa Bauss (MUK0513)

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